Moderne hoch hinaus: Vier Wassertürme in Rhein-Main

Wasserturm, Mörfelden-Walldorf (Detail), © Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Oberlausitzerin64

Hingeschaut! Objekt des Monats

Wasserturm, Mörfelden-Walldorf (Detail), © Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Oberlausitzerin64

Hoch hinaus führen uns gleich vier markante Bauwerke der Moderne: Die Wassertürme in Mörfelden-Walldorf (Kreis Groß-Gerau), Babenhausen (Kreis Darmstadt-Dieburg), Rodgau-Jügesheim (Kreis Offenbach) und Wöllstadt (Wetteraukreis) werfen ein besonderes Schlaglicht auf die Technik und Architektur der Moderne in der Rhein-Main-Region.

Wassertürme sicherten über Jahrzehnte hinweg die Versorgung der Bevölkerung und der Industrie. Sie förderten technische Innovationen und prägen bis heute das Landschaftsbild. Die markanten Bauwerke verdeutlichen die zentrale Bedeutung von Trinkwasser für die Entwicklung moderner Infrastrukturen und des sozialen Lebens im 20. Jahrhundert. Nebenbei machen sie uns aufmerksam auf aktuelle Fragen des nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen. Dabei zeigt sich auch ihre heutige Vielfalt: Von Vereinen bewahrt und vermittelt, dienen sie als begehbare Kulturdenkmäler und Veranstaltungsorte, fungieren als Landmarken und Wahrzeichen – und werden mitunter sogar zu außergewöhnlichem Wohnraum umgestaltet.

Eleganter Riese: Wasserturm Mörfelden-Walldorf

Karl Brakemeier, der Architekt des Mörfelder Wasserturms, hatte dem Gemeinderat ursprünglich fünf verschiedene Entwürfe vorgelegt. Die Honoratioren entschieden sich letztlich für ein sechsseitiges Betonskelettsystem mit ausgemauerten Gefachen und drei Stockwerken. Errichtet wurde der Turm zwischen 1929 und 1930. Der elegant wirkende, schlanke Zylinderbau steht beispielshaft für die Ästhetik seiner Bauzeit und ist bis heute ein markanter Hingucker.

Mit einer Höhe von über 32 Metern konnte der notwendige Druck hergestellt werden, um das Trinkwasserleitungssystem im Ort zu versorgen. Als technische Anlage diente der Turm trotzdem nur etwas mehr als 30 Jahre. In den 1960er Jahren übernahm das Mörfelder Wasserwerk die Trinkwasserversorgung. Der Turm wurde schließlich zum Wohnturm umgenutzt. Seit 2015 wird das Wahrzeichen der Stadt durch die Kulturinitiative Projekt Wasserturm e.V. erhalten und für Ausstellungen, Musik und Vorträge zur Verfügung gestellt.

Moderne mit Weitblick: Wasserturm Babenhausen

1928/29 wurde der Wasserturm Babenhausen (Landkreis Darmstadt-Dieburg) als Torbau im Bauhaus Stil errichtet. Mithilfe eins Kantholzgerüsts wurde die tragende Konstruktion aus Stahlbeton mit einer Ausmauerung aus Ziegelstein gebaut. Markant sind der spitze Torbogen, die vier Eckpylone und die schlanke Fensterachse des Treppenhauses.

Während des Zweiten Weltkriegs erhielt der Turm einen Tarnanstrich, um ihm im Fall von Bombardierungen zu schützen. Darüber hinaus wurde er teilweise als Aktenlager genutzt. Ende der 1960er Jahre wurde die Fassade erneut überstrichen.

Als das das Babenhäuser Wassernetz in den 1970er Jahren an das Wasserwerk in Hergershausen angeschlossen wurde, verlor der Hochbehälter seine Funktion. Die Ernennung des Turms zum Kulturdenkmal rettete ihn schließlich vor dem Abriss. 2012 wurde der Turm, mittlerweile in privater Hand, aufwendig restauriert. Heute ist er nicht nur ein Denkmal der Technikgeschichte, sondern auch weithin eine Landmarke der Moderne im ländlichen Raum.

Treffpunkt Ehrenamt: Wasserturm Rodgau-Jügesheim

Mit über 43 Meter Höhe ragt das ab 1936 errichtete Wahrzeichen des Rodgauer Stadtteils Jügesheim aus einem dichten Kiefernwäldchen hervor. Das heutige Industriedenkmal fasste ursprünglich 400 Kubikmeter Wasser und versorgte zwischen den Jahren 1938 und 1978 die Stadtteile Dudenhofen, Jügesheim, Hainhausen und Weiskirchen mit Trinkwasser.

Der an den neogotischen Baustil der Kirche St. Nikolaus angepasste und mit roten Klinkern verkleidete Turm, besitzt eine außergewöhnliche Konstruktion: Der runde Hochbehälter mit einem Durchmesser von etwa 15 Metern befindet sich auf einem kleinen quadratischen Mittelteil mit vier Tragpfeilern. Die acht offenen Bogenfenster der Pfeiler verringern die Windlast des Turms. Die Turmstube ist über eine schmale Treppe mit 170 Stufen erreichbar, die mitten durch den Wasserbehälter führt. Obenauf schließt der Turm mit einer spitzen, mit Naturschiefer eingedeckten Dachhaube ab. Aus 36 Metern Höhe eröffnet sich dort ein weitläufiger Rundblick über die Mainebene, eingerahmt von Taunus, Spessart und Odenwald. Richtung Norden bietet sich ein Blick auf die Skyline von Frankfurt am Main.

Heute wird der Turm durch durch die Turmfreunde des Wasserturms 1986 e.V. erhalten und als Kulturort belebt. Mehr über das Engagement in unserem Ehrenamtsportrait.

Zeitlos modern: Wasserturm Wöllstadt

Im Ortsteil Nieder-Wöllstadt (Wetteraukreis) befindet sich, ganz in der Nähe vom Bahnhof, der Wasserturm aus Stahlbeton aus den 1920er Jahren. Inmitten des dörflich geprägten Ortes steht das 20 Meter hohe Wahrzeichen des Technikzeitalters. Das achteckige Gebäude diente ursprünglich der Wasserversorgung des nahegelegenen Bahnbetriebs. Auch dieser Wasserturm beweist, dass Funktionalität und Ästhetik Hand in Hand gehen können. Die Fassade spielt im unteren Bereich mit dem Wechselspiel aus schlichten Wandteilen und rhythmisch angeordneten Pfeilern, während die achteckige Krone durch markante Rundfenster eine fast sakrale Anmutung erhält.

Seit 2010 befindet sich der denkmalgeschützte Turm in privatem Besitz. Nach einer umfangreichen Sanierung dient er heute als außergewöhnliches Wohngebäude mit fünf Etagen.

Redaktion: Eva Stallbaum