Es wird bunt! Dieser Beitrag verknüpft Industriekultur und Demokratiegeschichte. Er wirft einen Blick in den heutigen Landkreis Darmstadt-Dieburg und führt von Pfungstadt - wo einst ein fortschrittlicher Demokrat als Farbenfabrikant Berühmtheit erlangte - nach Ober-Ramstadt, der Stadt der Farben. Hier produzieren die Deutschen Amphibolin-Werke (DAW SE), Europas größter privater Baufarbenhersteller, seit über 130 Jahren Farben wie Alpina und Caparol. Am traditionsreichen Produktionsstandort fragen wir: Welche Bedeutung haben Farben eigentlich für die Demokratie? Um darüber zu sprechen, wird die umtriebige Logistikhalle des Weltunternehmens zum einzigartigen Gesprächsraum.
In Pfungstadt vereinen sich die Geschichte von Industrie und Demokratie auf besondere Weise in einer Person: Wilhelm Büchner (1816-1892) war Bruder der Frauenrechtlerin Luise Büchner (1821-1877) und des Sozialrevolutionärs Georg Büchner (1813-1837). Nach seiner Ausbildung zum Apotheker unternahm er Studien in Chemie unter anderem in Gießen bei dem Begründer der Organischen Chemie, Justus von Liebig.
1841 gründete Wilhelm Büchner im Gartenhaus seiner Eltern in Darmstadt eine kleine chemische Fabrik, um die Herstellung künstlicher Farbe voranzutreiben. Der Durchbruch stellte sich nach vier Jahren ein. Es gelang ihm, den bislang bekannten Herstellungsprozess für Ultramarin-Blau erheblich zu vereinfachen. Damit war der Grundstein seines Unternehmens gelegt, das er 1845 in einer ehemaligen Krappfabrik in Pfungstadt einrichtete. Die Herstellung und der weltweite Verkauf des begehrten Farbstoffs machten Büchner zu einem wohlhabenden Mann. 1863 errichtete er sich eine Villa in Pfungstadt, die bis heute erhalten geblieben ist.
Die politische Laufbahn hatte Wilhelm Büchner bereits früher eingeschlagen. Seit 1849 war er Abgeordneter der Zweiten Kammer der Landstände des Großherzogtrums Hessen und später des hessischen Landtags. Von 1877 bis 1884 war zudem Abgeordneter der Fortschrittspartei im Deutschen Reichstag. Büchners liberale und soziale Haltung zeigte sich allerdings nicht allein in seiner parlamentarischen Arbeit. Auf Büchners Wirken hin erhielt Pfungstadt seinen ersten Kindergarten. Die Gründung eines Arbeiterwohlfahrtsvereins und die Stiftung eines Pensionsfonds sollten darüber hinaus die sozialen Verhältnisse der Arbeiter verbessern.
Im Zuge der aufkommenden Erdölchemie verlor die Ultramarinfarbik jedoch ihre Bedetung und wurde schließlich 1893, ein Jahr nach dem Tod Wilhelm Büchners, geschlossen.
Zur Zeit von Wilhelm Büchner wurden Schwarz-Rot-Gold zu den Farben der Demokratie. Nationalversammlung ind er Paulskirche 1848, Zeitgenössische Lithographie
Wilhelm Büchner (1816-1892), um 1840, L. Becker, Wikimedia Commons.
Von Pfungstadt nach Ober-Ramstadt ist es nur eine kurze Strecke. Von Hamburg nach Ober-Ramstadt ist der Weg schon wesentlich weiter. Aus der Hansestadt stammte die Kaufmannsfamilie Murjahn, die 1895 in Ober-Ramstadt die Deutschen Amphibolin-Werke von Robert Murjahn gegründet hatte. Bereits in den 1880er Jahren hatte die Familie Schürfrechte im Odenwald erworben und war auf das Mineral Hornblende gestoßen, das zur sogenannten Amphibol-Gruppe gehört. Versuche, das Amphibol für die Herstellung von Farbe aufzubereiten gelangen und legten den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte.
Ab 1895 wurde in Ober-Ramstadt ein von Robert Murjahn entwickeltes Verputzpulver auf Basis von Kalk und Kreide hergestellt. Ab 1901 folgte die Herstellung von Farbe auf Basis von geleimter Kreide, die ab 1909 unter dem Namen Alpinaweiß berühmt wurde. Ein Meilenstein der modernen Farbenherstellung: War bis dahin eine langlebige weiße Wand eine kostspielige Angelegenheit für Wohlhabende gewesen, ermöglichte die weiße Farbe aus Ober-Ramstadt eine bezahlbare Lösung, die vor allem in den wachsenden Städten der Kaiserzeit zu mehr Hygiene und Licht beitrug.
Eine Innovation für die Handwerker gelang in den wirtschaftlich turbulenten Zeiten der 1920er-Jahre dem Sohn des Firmengründers, Robert Murjahn Junior. Mit Caparol entwickelte er ein wässriges Emulsionsbindemittel, mit dem die Maler erstmals selbst und direkt auf der Baustelle aus Pigmenten und Füllstoffen die benötigte Anstrichfarbe herstellen konnten. Den Markenname bildeten die Anfangsbuchstaben der drei Bestandteile Casein, Paraffin und Oleum (ein chinesisches Holzöl).
Mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs auch der Bedarf an schnellen Sanierungsmöglichkeiten. Mit der Entwicklung der ersten Latexfarbe 1954 mussten Farben nicht mehr mühsam angerührt werden. Es entstanden Produkte, die von allen angewendet werden konnten. Spätestens mit den 1960er Jahren wurden die Farben aus Ober-Ramstadt ein Grundstein einer modernen Do-it-yourself-Kultur.
Heute sind die Deutschen Amphibolinwerke von Robert Murjahn in Ober-Ramstadt der größte private Baufarbenhersteller Europas.
Welche Bedeutung haben Farben in unserem Alltag? Wie bringen sie individuelle Freiheit zum Ausdruck? Und welche Rolle spielen Farben in unserer Demokratie? Diese und andere Fragen sind Thema eines moderierten Gesprächs mit Kai-Michael Sprenger, Direktor der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, und Katharina Jakob, 24-jährige Studentin der Sozialen Arbeit. Zu Wort kommen die Expertise des Demokratie-Experten und die persönlichen Erfahrungen eines jungen Menschen aus der Region. Der Ort des Geschehens: die Logistikhalle der DAW SE (Deutsche Amphibolin-Werke) in Ober-Ramstadt. Während im Hintergrund tausende Eimer Farbe durch die Halle befördert werden und ihren Weg in die ganze Welt finden, sprechen die beiden über Farbe in der Demokratie.