Heute führt uns unsere Reise zu besonderen Orten und Persönlichkeiten in der KulturRegion rund 1.200 Jahre in die Vergangenheit – an einen Ort, an dem einst römisch-deutsche Könige und Kaiser auf ihren Reisen durch das Reich verweilten, ihre Pfalz als zeitweiligen Aufenthalts- und Regierungsort nutzten und wichtige politische Entscheidungen trafen. In Ingelheim am Rhein besuchen wir das Museum bei der Kaiserpfalz und die nebenan liegende Archäologische Zone. Gemeinsam mit Oberbürgermeisterin Eveline Breyer, Dr. Nicole Nieraad-Schalke, Museumleiterin, und Holger Grewe, Leiter der Forschungsstelle Kaiserpfalz, erkunden wir das Museum und die Überreste der Kaiserpfalz. Hier wird Geschichte zum Erlebnis – ein Besuch, der sich in besonderer Weise lohnt.
Öffnungszeiten und weitere Informationen zum Museum und Forschungsstelle gibt es im Internet unter https://www.museum-ingelheim.de/ und https://kaiserpfalz-ingelheim.de/
© KulturRegion; Redaktion: Kristina Maurer; veröffentlicht im Juni 2026
© KulturRegion/Alexander Paul EnglertLiebe Frau Dr. Nieraad-Schalke, wir haben uns hier im Museum bei der Kaiserpfalz Ingelheim getroffen. Was ist eigentlich eine Kaiserpfalz?
Die Geschichte Ingelheims ist ganz besonders geprägt durch Kaiser Karl den Großen. Dieser initiierte Ende des 8. Jahrhunderts den Bau der Kaiserpfalz hier vor Ort. Dabei handelt es um eine Art Regierungsbezirk, von dem ein Modell im Museum einen wunderbaren Eindruck vermittelt. Zur Zeit Karls des Großen gab es keinen festen Regierungssitz, sondern der Kaiser oder König war mit seinem Gefolge ständig von Ort zu Ort unterwegs, um in seinem Reich präsent zu sein. Die Kaiserpfalz in Ingelheim war eine der prächtigsten Pfalzen Karls des Großen und viel mehr als ein einfaches Lager. Sie war architektonisch stark von der Römerzeit inspiriert und damit einzigartig im Karolingerreich. Dies kann man z. B. am prachtvollen Säulengang erkennen, der sich halbkreisförmig um einen Innenhof schmiegte. Die Kaiserpfalz in Ingelheim ist heute eine der am besten erforschten Pfalzen Europas. Einige ihrer Mauern, z. B. die Ostmauer der ehemaligen Thronhalle, wurden ab 1402 von den Ingelheimer*innen pragmatisch in den Bau ihrer Häuser integriert und sind dadurch teilweise noch erstaunlich gut erhalten.
© KulturRegion/Alexander Paul EnglertDas Museum beschäftigt sich nicht nur mit der Kaiserpfalz, sondern auch mit der Geschichte Ingelheims. Was sind Besonderheiten im Museum?
Ein besonderes Highlight im Museum ist eine weltweit einmalige Goldmünze, die hier in Ingelheim bei Ausgrabungen gefunden wurde. Sie zeigt in Gold das einzige bekannte zeitgenössische Porträt Karls des Großen. Die Münze diente vermutlich nicht als Zahlungsmittel, sondern als Informationsträger: Sie zeigt Karl den Großen nach seiner Kaiserkrönung am 25. Dezember 800 in Rom. Neben der Kaiserpfalz beschäftigen wir uns hier auch mit den anderen Epochen der Ingelheimer Stadtgeschichte. In Ingelheim finden sich bereits in der Altsteinzeit menschliche Spuren. Mein Lieblingsobjekt ist ein Tontopf, der mit steinzeitlichen Daumenabdrücken verziert ist. Aus der Römerzeit sind zwei lebensgroße Grabfiguren beliebte Objekte bei Gästen aller Altersstufen. Das Besondere an diesen Statuen sind die bis heute erhaltenen Farbspuren. Solche sind sehr selten. Spannend ist auch ihre Tracht, die einheimisch-keltische und römische Elemente mischt und so anschaulich zeigt, wie interkulturell die Gesellschaft hier Ingelheim bereits vor 2.000 Jahren war.
Was kann ich als Besucher*in im Museum und Pfalzgebiet erleben?
Wir arbeiten im Museum und in der archäologischen Zone sowohl mit analogen als auch digitalen Vermittlungsmethoden. Im Frühjahr haben wir gemeinsam mit dem Illustrator Michael Ruppel ein handgezeichnetes Wimmelbuch veröffentlicht, das basierend auf archäologischen Befunden in acht Epochen von der Steinzeit bis zur Frühen Neuzeit, Kinder und Erwachsene dazu einlädt, historische Szenen zu entdecken und darüber ins Gespräch zu kommen.
Des Weiteren bieten wir ein buntes Veranstaltungsprogramm mit historischen Familienfesten, Kreativworkshops, Taschenlampenführungen einer Vortragsreihe für Erwachsene oder Kindergeburtstagen. Das Museum ist außerdem der Ausgangspunkt für den digitalen App-Rundweg durch das ehemalige Kaiserpfalzgebiet.
© KulturRegion/Alexander Paul EnglertLieber Herr Gewe, Sie leiten die Forschungsstelle bei der Kaiserpfalz. Was ist die Aufgabe der Forschungsstelle?
Unsere Aufgabe ist, das Denkmal zu untersuchen und Veröffentlichungen über die Kaiserpfalz wissenschaftlich zu verantworten. Wir führen zudem gelegentlich archäologische Ausgrabungen im Kaiserpfalzgebiet durch und werten diese aus. So generieren wir hier neues Wissen, sowohl für die Fachwelt als auch die breite Öffentlichkeit.
Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Betreuung des Denkmals. Die Forschungsstelle hat vor circa 25 Jahren das Konzept zur heutigen Präsentation der Kaiserpfalz entwickelt, auch koordiniert und optimiert sie den Besucherverkehr. Gäste können das Gebiet entweder mit einer Führung oder auf eigene Faust erkunden. Markierungen im Stadtpflaster vermitteln den Eindruck einer „1:1-Karte“ und verdeutlichen den Bereich, in dem sich die Kaiserpfalz erstreckt hat. Mit der Kaiserpfalz-App erhalten Besuchende Hintergrundinformationen. An ausgewählten Stationen bietet die App über eine Slider-Funktion die Möglichkeit, heutige Mauerreste und eine digitale Rekonstruktion der Gebäude übereinander zu legen.
© KulturRegion/Alexander Paul EnglertLiebe Oberbürgermeisterin Breyer, was bedeutet für die Stadt Ingelheim die Mitgliedschaft in der KulturRegion?
Für uns bedeutet die Mitgliedschaft mehr als einfach nur dabei sein. Wir möchten die KulturRegion als Plattform nutzen, um uns auszutauschen und vernetzt zu denken, denn Kultur endet nicht an der Stadt- oder Gemeindegrenze. So können wir Projekte austauschen und bei der Ideensuche mit anderen in Kontakt kommen. Für die Zukunft wünschen wir uns, die Kultur in Ingelheim noch barrierefreier und nachhaltiger zu gestalten. Dafür ist die KulturRegion eine wichtige Impulsgeberin.
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