Was haben Kaiserin Sisi, Albert Einstein und Erich Kästner gemeinsam? Sie alle waren Kurgäste in Bad Nauheim. Wir besuchen die Kurstadt an einem verschneiten Januartag und erreichen damit die 45. Station auf unserer Reise zu besonderen Orten und Persönlichkeiten in der KulturRegion. Wir interessieren uns aber nicht nur für die Geschichte des Kurbetriebs, sondern wandeln auf den Spuren des Jugendstils, dessen Zeugnisse in Bad Nauheim heute noch präsent sind.
Hier befindet sich die größte in sich geschlossene Jugendstilanlage Europas: der Sprudelhof. Um dem großen Andrang der Kurgäste Anfang des 20. Jahrhunderts gerecht zu werden, wurde zwischen 1905 und 1911 die Anlage mit sechs unterschiedlich gestalteten Badehäusern und insgesamt 265 Badezellen errichtet. In Badehaus 3 sind wir mit Gerhard Bennemann, Vorsitzender des Jugendstilvereins, und Harald Hock, Geschäftsführer der Bad Nauheim Stadtmarketing und Tourismus GmbH, verabredet. Der Verein hat hier das Jugendstilforum eingerichtet, ein Museum, das die Besucher*innen mit auf eine Zeitreise in die Belle Époque nimmt. In der Wartehalle, den Badezellen oder den Innenhöfen entdecken wir viele detailreiche verschnörkelte Ornamente, filigrane Blumenmuster und kunstvolle Verzierungen, wie es für den Jugendstil charakteristisch ist.
Das Jugendstilforum wird als eines von rund 100 Ausstellungshäusern in unserem aktuellen Museumsheft „Museen & Sonderausstellungen“ vorgestellt. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 13.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet, außer am ersten Wochenende im Monat. Der Zugang zu Wartehalle, Schmuckhof und Rosengarten ist kostenlos. Der Eintritt zur Ausstellung und zu den Badezellen kostet 8 Euro (ermäßigt 6 Euro), Kinder bis 12 Jahre haben freien Eintritt.
© KulturRegion; Redaktion: Kristina Maurer; veröffentlicht im Januar 2026
©KulturRegion/Alexander Paul EnglertLieber Herr Bennemann, was ist das Besondere am Sprudelhof und am Jugendstilforum Bad Nauheim?
Im Jugendstilforum zeigen wir die Entwicklung des Jugendstils in Deutschland, vor allem in Zusammenhang mit der Künstlerkolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Der damalige Großherzog von Darmstadt hat den Bau der Anlage gefördert und viele Künstlerinnen und Künstler der Mathildenhöhe haben hier gearbeitet. Der Architekt Wilhelm Jost verantwortete die Bauarbeiten, während Künstler wie Jakob Julius Scharvogel, Wilhelm Kleukens und Heinrich Jobst die künstlerischen Ausarbeitungen vornahmen und beispielsweise Mosaike, Fliesen oder die Sprudelfassungen gestalteten.
Einzigartig ist der Sprudelhof auch deshalb, weil in Bad Nauheim im Gegensatz zu Darmstadt im Krieg nahezu nichts zerstört wurde. Daher befindet sich das Ensemble in einem sehr guten Erhaltungszustand. Insbesondere hier im Badehaus 3 sind noch die Original-Fenster und -Fliesen aus der Zeit um 1900 erhalten.
©KulturRegion/Alexander Paul EnglertWas kann ich hier erleben?
Ein Großteil der Ausstellung befindet sich in den ehemaligen Badezellen. In zwei Kabinen sind noch die originalen Wannenbäder erhalten und einige Ausstellungsstücke verdeutlichen, wie der Kurbetrieb Anfang des 20. Jahrhunderts aussah. Wir zeigen die Geschichte des Kurbades in Bad Nauheim mit dem Schwerpunkt auf der Jugendstilanlage. In weiteren Kabinen und den Fluren geht es um die Entwicklung des Jugendstils von Beginn der Wiener Secession über München und Darmstadt bis hin zum Bauhaus in Weimar. Teil der Dauerausstellung sind unter anderem Themengebiete wie Kunst und Grafik, Wohnen und Mode oder Keramik- und Glasarbeiten. Zusätzlich gibt es jedes Jahr eine wechselnde Sonderausstellung, dieses Jahr „Geschmack und Stil – Mode und Modegrafik 1890 – 1930“. Eine Erlebnisstation veranschaulicht interaktiv Geschichten bekannter Persönlichkeiten und ihre Verbindung zu Bad Nauheim. Führungen sind auf Anfrage ebenfalls möglich.
Was ist das Ziel des Jugendstilvereins?
Unser Ziel ist es, diese einzigartige Anlage weiter zu erhalten und ihre Bekanntheit zu steigern – und das nicht nur in Bad Nauheim, sondern auch überregional und international. Das gelingt uns auch. Letztes Jahr war zum Bespiel der Verein der Freunde eines niederländischen Fliesenmuseums bei uns zu Gast, um die Arbeiten hier in den Badehäusern zu bewundern.
Innerhalb unseres Vereins gibt es verschiedene Gruppen, die sich etwa um die Ausstellungen kümmern und die Aufsicht übernehmen oder den Shop und das Selbstbedienungs-Café besetzen. Andere sind für Verwaltungs- und organisatorische Aufgaben zuständig. Ein Highlight ist die Modegruppe, die zum Bad Nauheimer Jugendstil-Festival jedes Jahr eine Modenschau auf die Beine stellt.
©KulturRegion/Alexander Paul EnglertLieber Herr Hock, was bedeutet die Mitgliedschaft in der KulturRegion für die Stadt Bad Nauheim?
Wir schätzen die KulturRegion als Partnerin sehr und sind dankbar für die wertvolle Kooperation. Besonders freuen wir uns jedes Jahr auf die „Tage der Industriekultur“ und sind auch bei „GartenRheinMain“ aktiv. Es ist sehr schön, dass wir die Kooperation dieses Jahr noch weiter ausbauen können und mit dem Jugendstilforum auch ganz neu in den „Museen & Sonderausstellungen“ vertreten sind. So können wir die Sichtbarkeit stärken und uns weiter in der Region vernetzen. Gleichzeitig passt die Zusammenarbeit perfekt zur Identität der Stadt. Kultur ist für Bad Nauheim essenziell. Unsere Geschichte als ehemaliges Staats- und Erholungsbad, das weltbekannt war, prägt seit jeher unsere kulturelle Arbeit und macht uns als Kulturstadt bis heute aus. Die KulturRegion hilft dabei, diese Stärken in der ganzen Rhein-Main-Region sichtbar zu machen.
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